von John Strelecky: Die Freude gehört zu den wunderbarsten Emotionen innerhalb des Spektrums menschlicher Gefühle. Sie kann sich von einem Moment zum anderen einstellen. Der Duft von frisch gebackenen Plätzchen kann unversehens Erinnerungen an Wochenenden bei uns hervorrufen, die wir als Kind im Haus unserer Großmutter verbracht haben. Wenn wir an einem Strand stehen und die Schreie der Möwen sowie die sanfte Brandung hören, erinnert uns das vielleicht an unsere Sommerferien als Teenager. Endlose unbeschwerte Stunden gemeinsam mit Freunden, nächtliche Lagerfeuer, unsere erste Liebe …

Und obwohl die Freude manchmal so unvermittelt, leicht und voller Intensität auftaucht, ist sie manchmal doch unglaublich schwer zu fassen. Es kann Zeiten geben, in denen die Freude scheinbar vollkommen aus unserem Leben verschwunden ist, so als würde sie nie wieder zurückkehren. Dann lastet eine Dunkelheit und Schwere auf uns wie eine Gewichtsdecke, die wir trotz aller Bemühungen nicht beiseiteschieben können.

Worum handelt es sich eigentlich bei der „Freude“? Woher kommt sie? Werden wir damit geboren? Ist sie eine erlernte Emotion? Können wir sie wiederfinden, wenn wir keinen Zugang mehr zu ihr haben?

Ich bin davon überzeugt, dass wir mit der Fähigkeit zur Freude geboren werden. So wie viele andere Emotionen wie etwa Liebe, Mut oder Hoffnung ist auch die Fähigkeit, Freude zu erleben, von vornherein in uns angelegt. Ähnlich wie eine Software, die bereits auf einem Computer installiert ist, ist auch die Freude im menschlichen Betriebssystem vorinstalliert. Und unter den richtigen Umständen, im richtigen Umfeld wird diese Fähigkeit freigesetzt.

Bei den meisten Menschen geschieht dies wahrscheinlich, kurz nachdem sie geboren werden. Als Baby werden sie gehalten und behütet. Sie werden in eine weiche Decke gewickelt oder auf eine andere Weise liebevoll umsorgt. Diese Erfahrungen öffnen das Freudeprogramm in ihrem System, und sie erleben all die Emotionen, die damit verbunden sind. Das ist ein wunderbares Ereignis, da die Freude ein positives Gefühl ist und unser Gehirn unter anderem darauf programmiert ist, nach positiven Gefühlen zu streben. Haben wir einmal Freude erlebt, suchen wir erneut danach. Wir greifen nach der weichen Decke, die sich so angenehm auf unserer Haut anfühlt. Mit unseren Augen oder unserem Weinen versuchen wir, den Menschen zu erreichen, der uns liebevoll umsorgt.

Es ist allerdings gut möglich, dass sich das Freudeprogramm bei einem Baby nicht öffnet. In einem feindseligen Umfeld, in dem keine Liebe, Anteilnahme und Fürsorge vorhanden sind, kann das Freudeprogramm ruhen. Und selbst wenn es nicht vollkommen inaktiv bleibt – wird es in einem solchen Fall nur selten genutzt, weil andere Programme wie Angst, Unsicherheit oder der Kampf ums Überleben immer wieder hochgeladen werden.

Diese beiden Möglichkeiten können die nächsten Lebensphasen eines Menschen erheblich beeinflussen, da wir in der Regel diejenigen Betriebssysteme standardmäßig nutzen, die am häufigsten eingesetzt werden. Wenn die Freude häufig hochgeladen wird, ist es mit jedem Mal leichter, sie erneut zu aktivieren. Das Gleiche gilt allerdings auch für Angst, Unsicherheit und den Kampf ums Überleben.

Und was die Freude noch faszinierender macht: Trotz der Tendenz, das am häufigsten genutzte Betriebssystem zu laden, gibt es keine Garantie dafür, dass ein Leben, das einmal von Freude erfüllt ist, immer freudvoll sein wird. Das gilt auch im umgekehrten Fall. Die menschliche Erfahrung ist selten konstant. Jedes Leben hat Höhen und Tiefen. In vieler Hinsicht lässt sich die Freude mit einer Sprache vergleichen, die man fließend spricht. Ein Kind, das in eine zweisprachige Familie hineingeboren wird, in der beide Sprachen täglich gesprochen werden, wird automatisch zweisprachig aufwachsen. Es ist keine bewusste Entscheidung seines Gehirns. Es geschieht einfach so. Wenn das Kind jedoch eine der beiden Sprachen im Laufe der Zeit immer weniger in seinem Umfeld wahrnimmt, wird es ihm allmählich immer schwerer fallen, diese Sprache zu sprechen oder zu verstehen. Sein Gehirn ist mit anderen Programmen beschäftigt, und daher laufen diese Programme schneller und effektiver.

Wird diese zweite Sprache lange genug nicht genutzt, wird sich die Person möglicherweise kaum noch daran erinnern. Allerdings haben zahlreiche Studien gezeigt, dass die Sprachkompetenz nach wie vor vorhanden ist. Im richtigen Umfeld und unter den richtigen Bedingungen werden die Verbindungen im Gehirn reaktiviert, die die Sprachkompetenz zuvor ermöglicht hatten. Daher wird die Person die Sprache in einem weitaus schnelleren Tempo wieder flüssig sprechen, als wenn sie diese ohne jegliche Vorkenntnisse erlernen würde.

Diese Erkenntnisse sind inspirierend, wenn wir sie auf die Freude übertragen. Denn in Zeiten der Niedergeschlagenheit, wenn es uns unmöglich erscheint, wieder Freude zu empfinden, irren wir. Das Programm ist in uns vorhanden. Immer. Bereit, reaktiviert zu werden.

Das Prinzip, etwas mühelos zu beherrschen, ist auch für jemanden von Bedeutung, der keine glückliche Kindheit hatte. Im Leben dieses Menschen haben sich vielleicht keine tiefen Muster der Freude entwickelt. Wie sieht es in einem solchen Fall aus? Vom Fremdsprachenlernen her wissen wir: Jemand, der nicht mit einer bestimmten Sprache aufgewachsen ist, wird sie am schnellsten fließend beherrschen, wenn er vollkommen in die Sprache eintaucht. Menschen können es schaffen, in nur sechs Monaten eine Sprache fließend zu sprechen, wenn sie in ihrem Umfeld vollkommen darin eintauchen können.

Übertragen auf die Freude sind das großartige Nachrichten. Denn selbst wenn Ihr Leben bisher nicht von Freude erfüllt war, bedeutet das nicht, dass ihr künftiges Leben ebenfalls freudlos sein wird. Sie können in die Sprache der Freude eintauchen und sie in jeder Hinsicht fließend beherrschen.

Ob es nun darum geht, die Fähigkeit zur Freude zurückzuerlangen oder sie zum ersten Mal zu entwickeln, beides geht mit bestimmten Herausforderungen einher. Unser Gehirn führt häufig relativ einfache Grundfunktionen aus. Es ist zwar definitiv darauf programmiert, das anzustreben, was uns Freude bereitet, aber gleichzeitig hat es einen übergeordneten Überlebenswunsch. Das hat häufig eine große Zurückhaltung angesichts von Veränderungen zur Folge. „Unsere Realität ist vielleicht nicht so, wie wir sie uns wünschen würden, aber zumindest erhält sie uns am Leben“, denkt das Gehirn. „Lass uns daher heute einfach tun, was wir auch schon gestern getan haben.“

Diese Denkweise lässt sich jedoch überwinden, indem wir verschiedene Dinge mit großer Entschlossenheit ausprobieren. Wenn wir etwas ausprobieren, testen wir es in einem kleinen Rahmen. So geben wir dem Gehirn die Möglichkeit, sich mit geringem Risiko auf eine bestimmte Erfahrung einzulassen. Auf diese Weise eröffnen sich große Chancen, etwas zu verändern, und – wenn wir es auf unser konkretes Beispiel übertragen – fantastische Möglichkeiten, ein freudvolleres Leben zu führen…

John P. Strelecky ist der Autor des Buches „Das Café am Rande der Welt“, welches in verschiedenen Ländern den ersten Platz auf den Bestsellerlisten erreichte. Zudem verfasste er die Buchreihe der Big Five for Life. Wenn Sie mehr über seine Bücher sowie darüber erfahren möchten, wie Sie Ihre Version eines fantastischen Lebens entdecken, können Sie die folgende Internetseite besuchen: www.jsandfriends.com

Die Fortsetzung dieses Artikels folgt in unserer nächsten Newsletterausgabe am 11. September 2020.