von John Strelecky: Die Liebe ist ein interessantes Phänomen. Sie ist überaus präsent in unserer Welt. Sie wird zum Beispiel in Liedern, Filmen und Büchern beschrieben, die zum Teil aus einer Vergangenheit stammen, die soweit zurückreicht wie die Geschichtsschreibung. Teilweise geht ihr Ursprung sogar auf die alten Geschichten zurück, die zunächst mündlich überliefert wurden. Und obwohl die Liebe in unserer Kultur so präsent ist, birgt sie immer noch unglaublich viele Rätsel.

Zum großen Teil liegt das wahrscheinlich daran, dass die Liebe für jeden Menschen und in jeder Situation einzigartig ist. Die Liebe, einer Mutter oder eines Vater für das eigene Kind ist nicht dieselbe wie die Liebe gegenüber einem Partner. Es ist auch möglich, eine Aktivität oder ein Haustier zu lieben, wobei solche Gefühle sich stark von der Liebe in Beziehungen unterscheiden.

Das Ganze ist allerding noch komplexer, da die Facetten der Liebe weitaus vielfältiger sind und zu Beispiel davon abhängen, wie wir persönlich gestrickt sind, wie wir aufgewachsen sind und welchen kulturellen Hintergrund wir haben … Das macht die Liebe so außerordentlich komplex.

Und trotz alldem ist die Liebe gleichzeitig so einfach. Wir erkennen sie sofort, wenn wir sie erleben. Selbst wenn wir dies einem anderen nicht erklären können.

Die Liebe ist auch deshalb einzigartig, weil sie sich manchmal auf eine Weise offenbart, die wir nie erwartet hätten. Zum Beispiel beim Windelnwechseln.

Vor etwa zehn Jahren wurde mir das Geschenk zuteil, Vater zu werden. Es war eine Rolle, in der ich mich nie gesehen hatte, bis ich plötzlich mittendrin war. Durch dieses Geschenk habe ich auf eine Art lieben gelernt, die ich nicht erwartet hätte. Und das begann mit dem Wechseln von Windeln.

Bevor ich Vater wurde, hatte ich nie eine Windel gewechselt. Ich war nicht einmal in der Nähe eines Babys gewesen, dem eine Windel angelegt wurde. Ich hatte tatsächlich noch nie eine Windel in der Hand gehabt, ganz zu schweigen von Feuchttüchern. Und ein Baby selbst hatte ich erst einmal gehalten, als ich etwa drei Minuten lang mit meinem Neffen auf dem Arm für ein Foto posierte.

Ich hatte keinerlei Erfahrung. Ich hatte nichts, worauf ich zurückgreifen konnte, abgesehen davon, dass ich der Meinung war, das grundlegende Prinzip verstanden zu haben. Ein Baby wird mit Windeln ins Badezimmer gebracht. Eine Windel ist eine Art Stretchhose zum Überziehen. Wenn das Baby in die Windeln gemacht hat, müssen die Eltern die ganze Bescherung beseitigen. Und das jahrelang viele, viele Male pro Tag, bis das Baby groß genug ist und keine Windeln mehr braucht. Mit anderen Worten, es ist eine unangenehme Notwendigkeit, der man sich in den ersten Jahren häufig widmen muss.

Mein Vater erzählte anderen stets voller Stolz, dass er nicht nur bei seinen eigenen drei Kindern nie eine Windel selbst gewechselt hatte, sondern auch nicht bei einem seiner sechs Enkelkinder. Aufgrund meiner begrenzten Einblicke beim Thema Windeln wechseln klang es nach einem guten Plan, sich auf diese Weise durchzumogeln.

Aber dann kam meine Tochter zur Welt. Eine winzige, hilflose Person, die nicht für sich selbst sorgen konnte. Sie konnte weder auf einer Toilette sitzen noch sich selbst den Hintern abwischen. Sie konnte sich nicht einmal eigenständig umdrehen. Ich hatte sie eingeladen, in die Welt zu kommen, in meine Welt, und sie zählte darauf, dass ich mich um sie kümmern würde.

Als ich ihr dann zum ersten Mal die Windel wechselte, erkannte ich etwas Besonderes. Mein Vater hatte eine der großartigsten Erfahrungen im Leben verpasst. Denn wenn das eigene Kind schreit und man es vorsichtig säubert, es versorgt, ihm eine neue Windel anlegt, die Druckknöpfe an seinem kleinen Strampelanzug wieder verschließt, es sanft an seine Schulter legt und es hält, ist das keine schreckliche, eklige Erfahrung. Es ist Liebe.

Es ist eine wunderbare, tiefe Seelenliebe, die sich mit nichts anderem vergleichen lässt. Denn uns wird schnell bewusst, wieviel Vertrauen unser Kind uns schenkt. Es kommt vollkommen hilflos zur Welt. Es verlässt sich darauf, dass wir es mit Essen versorgen, ihm eine Unterkunft bieten und seine Windeln wechseln. Ohne diese Fürsorge kann es nicht überleben. Es ist überaus verletzlich, sodass sein Leben jeden Tag gefährdet ist. Und auf diese Weise können wir als Eltern Mitgefühl, Fürsorge und Liebe erleben.

Welch unglaubliches Geschenk unsere Kinder uns damit machen. Es ist ein unvergleichlich selbstloser Akt. Diese Wirklichkeit durchströmte mich, als ich meiner Tochter zum ersten Mal die Windeln wechselte. Es inspirierte mich dazu, mir zu überlegen, auf welche Weise ich ihr zeigen konnte, wie dankbar ich ihr für dieses Geschenk war.

Wenn sie mitten in der Nacht schrie und ich aufstand, um zu ihr zu gehen, vergewisserte ich mich, dass ich ihr Zimmer mit einem Lächeln betrat, egal wie müde ich war. Ich wollte ihr vermitteln, wie sehr ich mich darüber freute, dass sie meine Tochter war, dass sie da war…

John P. Strelecky ist der Autor des Buches „Das Café am Rande der Welt“, welches in verschiedenen Ländern den ersten Platz auf den Bestsellerlisten erreichte. Zudem verfasste er die Buchreihe der Big Five for Life. Wenn Sie mehr über seine Bücher sowie darüber erfahren möchten, wie Sie Ihre Version eines fantastischen Lebens entdecken, können Sie die folgende Internetseite besuchen: www.jsandfriends.com

Die Fortsetzung dieses Artikels folgt in unserer nächsten Newsletterausgabe am 23. Oktober 2020.